Witzig, aber nicht zum Lachen
Supernanny Diplompädagogin Katia Saalfrank ist eine tolle Frau. Spielerisch bringt sie Kinder im Beruf unter und hilft Familien, die eigentlich gar keiner helfen will und die auch gar keiner sehen will, wie ihnen geholfen wird. Doch bei ihrem Einsatz letzten Mittwoch auf RTL stieß selbst sie an ihre Grenzen. Zu groß schien der Abgrund aus sozialer Ignoranz, Armut, schlechter Luft und Gewalt. Es roch nach Plattenbau, Osten und Urin. Die Supernanny befand sich in Marzahn.
Immer wieder zoomte sich die Kamera durch Hochhausschluchten, geschickt wurde dem Zuschauer sugeriert, hier sieht es an jeder Ecke gleich aus und aus dem Beton gibt es kein entrinnen. Gleich am Anfang wurde Marzahn als Problembezirk angespriesen. Kinder und Jugendliche hängen auf den Straßen und wissen nicht, was sie tun sollen. Aus purer Langeweile, Spaß und Beschränktheit (Anm. d. Verf.) bewerfen sie sich mit Steinen, schlagen sich und hängen rauchend auf Kinderspielplätzen rum (die übrigens alle neu gestaltet sind – Anm. d. Verf.). Das gleich nebenan (wirklich nur zwanzig Meter neben dem Drehgeschehen) ein Freizeitforum mit Bibliothek, Schwimmhalle, Bowlingbahn und Kampfsportschule ist, bleibt dem Zuschauer vorenthalten.
Barbara*, Mutter von sechs Kindern und offenbar alleinerziehend, steht mit schlabbriger Freizeitkleidung auf dem Balkon. Sechs Kinder habe sie und nicht viel Geld. Sie wisse, dass es schwer ist, hier in Marzahn, aber deswegen keine Kinder haben? Sie weiß auch, dass ihre Kinder hier keine Chance haben. (Aber warum deswegen keine Kinder haben, ne.) Wieder erfolgt die Stimme aus dem Off. Das Stichwort diesmal: Perspektivlosigkeit. Keine Arbeit, keine Zukunft für immer gefangen im Sumpf der Plattenbauten in Marzahn. Zoom zwischen die Hochhäuser.
Die Supernanny begleitet zwei grunddoofe Gören durch ihren Streifzug durch den Kiez. Eine davon ist Babs Tochter. Ein Wunder, dass die gute Katia dabei nicht überfallen wurde, denn zwischen den Hochhäuserschluchten lauert die Gefahr vor den Anwohnern dieser Kasten, dem Gesindel von Ostberlin. (Ich schildere hier nur meine Eindrücke, die ich aus dem Beitrag gewonnen habe.) Zusammen lungern sie in einem Hausflur rum, eine der Gören will wieder was an die Wände schmieren. Supernanny: “Habt ihr keine Angst, dass ihr erwischt werdet?” – “Nö!” Ein Mieter kommt durch die Haustür, schaut sie an und geht an ihnen vorbei zu seiner Wohnung. Stimme aus dem Off: In Marzahn kümmert sich keiner um den anderen. Auch die Supernanny ist geschockt über dies Ignoranz des Mieters. Und das ist die Stelle, an der mir der Kragen platzte. Was soll der Scheiß?! Als ob jeder Mieter in nem 11-Geschosser oder noch höher jeden Mieter kennt?! Außerdem haben die noch gar nichts gemacht gehabt. Was soll der Typ also mit ihnen machen?!
RTL hat mit dieser Folge genau das gezeigt, was die Leute sehen wollen, ein Bild verfestigt, was auch immer mehr Leute in Berlin in sich tragen , obwohl sie es eigentlich besser wissen sollten und könnten. In Marzahn – Hellersdorf und Hohenschönhausen lebt das deutsche Gesindel, die Ossis, die es nicht geschafft haben, nie schaffen werden, zusammengepfercht in ihren Betonbunkern aus der alten Zeit. Gleichzeitig haben hier braune Gedanken Hochkultur. Unerwähnt bleiben die neuen städtebaulichen Maßnahmen, die v.a. hier in den neueren Berliner Bezirken greifen und die Tatsache, das gerade Marzahn und Lichtenberg Hochburgen der PDS und WASG sind.
Doch lassen wir den dummen RTL – Zuschauer seine Illusion von seiner perfekten Welt und leben wir, die wissenden in dem befriedigenden Gefühl der Ahnung und Macht.
* Name geändert, da entfallen
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19. Mai 2007 -
Geschrieben von F |
Berlin, Das wahre Leben - unzensiert
Krass toller Bericht, Kroki, echt super! Du sprichst mir aus der Seele.
In Marzahn gibt es keine Arbeit – ja, sollen die Idioten doch einfach in ne S-Bahn hüpfen und 20 Minuten in die City düsen, wer sagt denn, dass das Büro immer direkt vor der Haustür liegen muss?
Den Absatz mit dem 20-Meter-entfernten Freizeitdings bauen wir in unseren Brief ein! Auf der RTL-Seite ist eine Adresse, wo man Bewerbungen hinschicken soll, dahin wird also unser Brief gehen. Oder soll es eine E-Mail sein? Was meinst du? Aber Brief ist irgendwie offizieller, oder?
Wir müssen irgendwie rüber bringen, dass wir schon verstehen, dass Marzahn voller Assis ist… genauso wie jeder andere Bezirk in Berlin. Das sehen wir ja ein. Aber dann gleich von Perspektivlosigkeit zu sprechen, ist echt die Höhe. Dumm und oberflächlich. Einfach bescheuert. Plattenbau = Armut = Assi. Bloß nicht mehr hinter die Fassade gucken, einfach alles versimpeln. Boah, wie mich das ankotzt ey.
Kommentar von Anjali | 21. Mai 2007 |
64 Millionen Wessi-Deutsche Bundesbürger sollten deinen Beitrag lesen. Die meisten von denen haben noch nie einen Fuß in den “Osten” gesetzt. Ich sage jetzt nicht leider, denn im Grunde bin ich froh, dass manche Leute diesen Landstrich nie betreten haben, denn wer weiß, was uns dann noch blühen würde.
Ja, wer so doof ist und RTL glaubt:
liest 1. die BILD-Zeitung mit gleichem Enthusiasmus,
hat 2. nicht mehr Hirn abbekommen als Paris Hilton und ist 3. so dämlich, alles zu glauben, was irgendwo geschrieben steht oder gesagt wird ohne auch nur mal ein Neuronennetzwerk einzuschalten.
Es ist egal ob es Marzahns, Hohenschönhausens, Dierkows, Toitenwinkels, Neustädte, Südstädte, Hochhausviertel oder 5-Geschosser-Stadtteile sind: Für die meisten bedauernswerten Wessis sind alle “Neubauviertel”, die östlich der Elbe sind “Problemviertel”. Sie glänzen mit Voreingenommenheit gegenüber deren Bewohnern ohne sich selbst ein Bild zu machen, weil es so schön einfach ist, einfach etwas anzunehmen, was einem vorgegeben wird, leicht verdauliche RTL-Kost für den Werbeträchtigen Zielgruppen-Mitbürger. Es hat nichts mit den Häusern zu tun, die dort stehen, nichts mit den Menschen, die dort leben, sondern mit den bornierten Deppen, die glauben was andere ihnen RTL-formatiert servieren. Ich habe selbst erlebt, wie mir westdeutsche Kommilitonen im 1. Semester begegnet sind als sie hörten, wo ich wohnte. Sie behandelten mich wie einen “Ossi-Nigger”, als sozial derangiert, als arme kleine Ossi… Gott sei Dank sind die schnell wieder zurück zu Mutti in den Westen. Ich habe auch erlebt, was ein Ostseebad in MV für einen Ruf bekommen hat, nachdem RTL und RTL2 einen Beitrag über Ballermann-artige FKK-Zustände berichteten und anschließend lauter bekloppte Säufer hier auftauchten, die in den Dünen lagen und Frauen fotografierten, bis man einen Sicherheitsdienst einschaltete. Medien haben Macht, leider soviel Macht, um 16 Millionen Leute als Menschen 2. Klasse abzustempeln… 17 Jahre nach Null.
Kommentar von Assistenzarzt | 21. Mai 2007 |
Also ich muss schon sagen, dass es gefährlich ist, als “Alternativer”/offensichtlich Linker in Marzahn-Hohenschönhausen rumzurennen (aber keinesfalls nur da!). Allerdings finde ich es ziemlich ekelhaft, wie RTL für den sabbernden TV-Zuschauer dermaßen billige Klischees verwurstet und die nicht leichte Situation von Großfamilien für billige Propaganda ausschlachtet.
Kommentar von MacDödel | 20. August 2007 |
Wie kann man nur über zwep Familien lästern denen es sowie so nicht gut geht!
Ich finde jeder hat eine Chance verdient auch Saskia und Angelique und ich finde das die beiden nicht drungsdoof sind auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.
Und es gibt nicht nur in Marzahn-Hellersdorf Menschen die von Hartz4 Leben oder braunes Gedankengut das gibt es überall in Deutschland und ich finde es unmöglich auch das alle jetzt auf Saskias und Angies Familien rumhacken nur weil ihre ältesten Töchter ein wenig herumstreunen und Rauchen hat doch jeder mal gemacht in dem alter.Ich habe mir die Folge auch angeschaut und ich finde das die Mütter der beiden nur das beste für ihre Kinder wollen.Vorallem Saskias Mutter Peggy kann ich verstehen wenn man vergewaltig wird und dann noch von ihrem Peiniger schwanger wird aber sie trodsdem Saskia als ihr Kind annimmt.
Kommentar von Jörg Lehretz | 10. Oktober 2007 |
hier geht es ja auch nicht gegen die mütter, sondern um das falsche bild, was gerne in den medien von marzahn, hellersdorf und hohenschönhausen vermittelt wird.
zum rumstreunen und rauchen: klar kann man das machen, aber ich weiß nicht ob es angebracht ist treppenhäuser zu beschmieren oder sich vor autos mit steinen zu bewerfen (generell sich mit steinen zu bewerfen).
Kommentar von F. Oldörp | 11. Oktober 2007 |
[...] von F am 8. Dezember 2008 Sie war ja schon einmal Thema in meinem Internettagebuch, als sie den armen Menschen in Berlin – Marzahn geholfen hat, den ja [...]
Pingback von Ach ja, die Super Nanny…. « Belanglose Alltäglichkeiten | 8. Dezember 2008 |
Ich verstehe, wieso sich hier aufgeregt wird. Ich finde die Inhaltskritik bzgl. RTL ist auch mehr als angebracht.
Aus manchen Sätzen lese ich aber eine gewisse (pauschalisierende) Abneigung gegenüber Westdeutsche heraus, was ich hingegen, als Westdeutscher, nicht für angebracht halte, da wir so niemals aus dem Ost-West-”Dilemma” herauskommen.
Das Problem ist ganz offensichtlich, dass Westdeutsche zu viele Vorurteile gegenüber Ostdeutsche hegen, ohne wirklich Bescheid zu wissen.
Andersherum aber sind es auch die Ostdeutschen, die mit ihrer Erwartungshaltung “die “Wessis” seien ja ALLE vorurteilsbelastet” den Teufelskreis schließen.
Ich kann Sie aber beruhigen: Das ist nicht nur ein großes Ost-West-Problem, sondern auch eines, welches sich innerhalb westdeutscher Städte wiederfindet.
Ich persönlich komme aus so einem sog. (westdeutschen) “Problemviertel” – eine Plattenbausiedlung am Stadtrand. Und genau diese Konstellation Vorurteile vs. Erwartungshaltung findet sich auch dort wieder.
Übrigens lebe ich heute in Ostdeutschland. Ich konnte mich u.A. mit den mir servierten Vorurteilen nicht zufrieden geben.
Fazit: NIEMALS alle über einen Kamm scheren, egal wie berechtigt dieses Vorgehen auch sein mag. In Wirklichkeit ist es das nie.
Kommentar von Padamus | 15. November 2011 |